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Donnerstag, 15. Dezember 2016

Reizwortgeschichten

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

In diesem Jahr ist Lars, der in einem kleinen Gebirgsort in Südnorwegen lebt, mit seinem Freund Reiniheini, dem sprechenden Rentier, wieder unterwegs. Lest selbst was sich zugetragen hat.



Die heutigen Reizwörter sind

Geburtstag, Schneetreiben, verwunschen, staunen, verklärt

Bin gespannt, was sich meine Mitschreiberinnen ausgedacht haben. Hier zu lesen:

Reginas  Geschichte..




Lars und das Rentier Reiniheini - Weiße Weihnachten

Lars sah  aus dem Schulklassenfenster dem Schneetreiben zu. Heute war der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien. Er freute sich darauf. Gerade hatte die Schulstunde mit seinem Lieblingsfach Naturkunde begonnen. Seine Lehrerin Rita behandelte das Thema "Albinimus".

"Albinismus (von lateinisch albus ‚weiß‘ ist eine Sammelbezeichnung für angeborene Störungen in der Biosynthese der Melanine ....", führte sie aus.

Lars fand es äußerst interessant. Im Nationalpark war sein Papa Aufseher in einem großen Naturschutzgebiet.  Ab und zu nahm er bei den Rundgängen im Gebirge seinen Sprössling mit, um dort nach dem Rechten zu schauen. So Ende August, an einem Spätsommertag. Die Beiden liefen bei schönstem Sonnenschein und blauen Himmel eine ganze Zeit  an einem Gebirgsbach, der aus einem Gletscher entsprang, immer weiter höher hinauf. In einem Hochtal entdeckten sie eine große Rentierherde. Abwechselnd schauten Vater und Sohn durch das Fernglas und beoachteten die Herde.  Die Tiere witterten die Menschen und liefen in ihrem wiegenden Schwebegang, wie auf Wolken laufend,  weiter höher in das nächste Hochtal. Es war schön, ihnen nachzuschauen. Zurück blieb ein weißes, schlafendes Rentierkälbchen, dessen Mutter , damit es endlich aufwachte, das Kleine ständig anstupste. Aber es rührte sich nicht.

"Das ist", flüsterte Lars seinem Papa ins Ohr, "das Mädchen von Reiniheini".

"Sieh das Halsband, was ich Reiniheini und ihr vergangenes Weihnachten geschenkt habe."

Die Angst vor den Menschen übermannte die Rentiermutter und rasch lief sie davon.  In einem sicheren Abstand beobachtete sie  aus der Ferne was geschah.
Beide liefen zu dem kleinen Kälbchen..

"Ist es tot?", fragte Lars ängstlich.

Sanft schüttelte der Vater das Kleine. Es rührte sich nicht. Er schüttelte kräftiger. Ganz langsam kam  in das weiße, kleine Wesen wieder Leben. Es blinzelte benommen und erhob sich vorsichtig auf seinen noch staksischen Beinchen. Neugierig schaute es die beiden Menschen erstaunt an. Blickte in Richtung seiner Mama und flitzte wie ein kleiner Blitz zu ihr. Gleich begann das Kleine  mit wedelnden Schwänzlein an ihrem Euter zu saugen.  Glücklich vereinigt liefen Mutter und Kind schnell der im nächsten Hochtal grasenden Rentierherde hinterher.

Lächelnd schauten Vater und Sohn sich über das Geschehene an und machten sich auf den Rückweg nach Hause. Lars Papa klärte ihn dabei über "Albinos" auf.

"Albinismus gibt es auch in der Tierwelt. Kennzeichen des Albinismus, der auch beim Menschen auftreten kann, ist das Fehlen von Pigmentzellen. Das Ergebnis: weiß statt bunt Sattbraunes Fell, buntes Gefieder oder schillernde Fischschuppen: Verantwortlich für die typische Färbung ist der Farbstoff Melanin. Ist dieser genetisch bedingt jedoch nicht ausreichend oder gar nicht vorhanden, bleibt das Tier weiß. Die Augen haben eine rötliche Farbe, denn durch die farblose Iris schimmert das Blut hindurch. Natürlich sind nicht alle weißen Tiere Albinos, aber dieser Gendefekt kann grundsätzlich bei allen Tierarten auftreten – egal ob Rentiert, Tiger, Fisch, Igel oder sogar bei Eisbären, Albinismus kann jedes Tier treffen. Albinos sind gefährdet. Die geringe Pigmentierung belastet Albinos ungemein. Ihre Augen können den Lichteinfall aufgrund der Unterproduktion von Melanin nicht regulieren. Die natürliche Lichtblende, die Iris, ist bei den weißen Exoten zum Teil lichtdurchlässig. Als Folgen des Albinismus können verminderte Sehfähigkeit oder sogar Blindheit auftreten.Zudem stellt der Melanin-Mangel eine große Gefahr für die Haut dar. Rund ein Sechstel aller Tiere erkrankt an Hautkrebs. Albinos sind sehr lichtempfindlich und bekommen schnell einen Sonnenbrand. So muss beispielsweise das englische Albino-Pferd „Blue“, das im Dienst der Polizei steht, im Sommer literweise mit Sonnencreme eingerieben werden. Junge Albinos schlafen viel und tief.  Hier in der Wildnis sind sie von Adlern und anderen Wildtieren, wenn sie noch klein sind, sehr bedroht."

"Jetzt weiß ich, warum Reiniheini nicht glücklich mit seinem Kälbchen war",  stellte Lars mitfühlend fest, "er machte sich  große Sorgen um das Kleine",  und schaute  mit einer in Falten gezogenen Stirn seinen Papa an.

Die Schulglocke ertönte. Ole stupste seinen Freund Lars an, der verklärt in seinen Gedanken vor sich hin starrte.

"Gehen wir morgen Ski laufen? Mein Papa fährt ins Veodalen mit dem Hundeschlitten, da hängen wir uns mit Leinen bei ihm dran."

Endlich waren Weihnachtsferien.

Bis in die Morgenstunden hatte es noch geschneit. Die Loipen waren ins Veodalen für die Hotelgäste gespurt. Oles Vater konnte  mit seinem Hundegespann auf den Spuren der Schneescooter fahren und die Jungs hängten sich mit den Leinen dran. Die Kommandos von Oles Vater, bellende Hunde und die juchzenden Jungs auf Skiern gaben ein lustiges Bild ab.

Nach einer Stunde rasanter Fahrt im Veodalen mit dem Schlittengespann, klinkten sich die Jungs von den Leinen aus.
"In zwei Stunden hole ich Euch auf meinem Rückweg ab. Passt auf die steilen Hänge auf, wegen der Lawinengefahr", mahnte der Vater von Ole, "die Ausrüstung dafür habt ihr?"
"Ja alles im Rucksack, keine Angst.", bestätigte Ole.

Damit Lars und Ole die Hänge ansteigen konnten, präparierten sie ihre Skier mit Fellen. Die beiden Jungs hatten die kleine Bergkuppe dort drüben ins Visier genommen, los ging es. Hintereinander stiegen sie an der flachsten Stelle in die Höhe. Oben angekommen  genossen sie die wundervolle Aussicht über das tief verschneite Gebirge. Mit dem vielen Schnee lag die Landschaft wie verwunschen da. In der Ferne sah man das Schlittengespann von Oles Vater immer kleiner werden.

Von den Skiern lösten sie die Felle und verpackten sie in die Rucksäcke. Ole hatte eine Thermosflasche mit heißen Tee  im Gepäck,  Lars zog einen Riegel "Kvikklunch"*) hervor und sie ließen es sich schmecken. Gleich würden sie die Abfahrt genießen.  Lars bemerkte, dass sein Schuh aus der Bindung sprang. Er fummelte am Spanner herum, bis alles fest war. War das sein Glück? Ole sprang los.

Lars hörte ein lautes Grollen.  Die Schneedecke brach vor seinen Augen donnernd  hinab in die darunter liegende Hochebene. Lars erstarrte, sein Herz raste.

"War Ole der Lawine entkommen?"

Nachdem der Schneestaub sich gelegt hatte, trat absolute Stille ein. Lars wusste, er musste jetzt handeln. Von Ole war weit und breit nichts zu sehen. Er holte sein Handy aus der Anoraktasche und drückte den Notruf. Gott sei Dank hatte er hier Empfang. Es dauerte einige Sekunden, dann konnte er seinen Hilferuf absetzten. Mit den Handykoordinaten würde die Bergwacht sie schnell finden.
Dann fiel ihm sein Freund Reiniheini ein.

" Hilfe, Hilfe!", schrie er mehrmals in alle Richtungen.

Vielleicht war er in der Nähe. Lars fuhr zu der Stelle, wo er Ole vermutete, konnte aber nichts erkennen. Ole war gut ausgerüstet, er  hatte einen Sender und Airbag bei sich. Lars holte den Empfänger für das Lawinenverschüttetensuchgerät hervor und fing an zu suchen.

Wie aus dem Nichts tauchte Reiniheini auf.

"Hilf mir suchen!", rief Lars dem Rentier zu.

"Ole ist verschüttet."

Reiniheini lief den Hang hin und her. Abrupt hielt er  an einer Stelle an.
"Hier graben wir!", rief er und begann den Schnee mit den Hufen  beiseite zu scharren. Schnell kam Lars auf Skiern angefahren, holte die Schaufel aus dem Rucksack und begann weinend zu  graben.  Die Zeit kam ihm unendlich lang vor. Warum kam keine Hilfe? Hoffentlich konnten sie Ole retten.

Reiniheini knurrte plötzlich laut. Aus dem Schnee lugte die Hand von Ole heraus.
Sie hatten ihn gefunden. Reiniheini scharrte und Lars schaufelte wie ein Wilder. Es dauerte ein paar Minuten und Ole war befreit.

Lars brüllte Ole an und Reiniheini leckte sein Gesicht. Der schlug die Augen auf. Lächelte schwach und setzte sein obligatorisches  Grinsigesicht auf. "Ihr habt mir das Leben gerettet, ich danke Euch Beiden."
Dann  heulte er los und die Tränen kullerten ihm über sein Gesicht.
"Jedes Jahr werde ich an diesemTag, an dem ich noch rechtzeitig aus der Lawine kam, Geburtstag feiern", Ole  schluchzte herzzerreißend weiter und war nicht mehr zu beruhigen.

Durch das Hochtal hörte Lars den Helikopter anbrummen. Er winkte aufgeregt den Rettern zu. Auf Skiern holten sie Ole ab, der seinem Abtransport nur mit Widerwillen zustimmte. Die Männer von der Bergwacht bestanden darauf, dass ein Arzt nach ihm schaute. Lars beruhigte Ole und versprach zum verabredeten Platz mit Oles Papa zu fahren. Sonst würde er sich um die Zwei sorgen, wenn sie nicht auftauchten.

Langsam machte Lars sich mit Reiniheini auf zu dem Treffpunkt mit Oles Papa. Ihm zitterten jetzt die Beine.
"Danke Reiniheini, du hast Ole das Leben gerettet. Ohne dich wäre es schlimm ausgegangen".
Lars gab dem Rentier auf die weichen Nüstern einen Kuss und umarmte es. Er schniefte. Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr. Reiniheini brummte und leckte die Hand von Lars mit seiner rauen Zunge.
"Schon gut, Lars. Freunde helfen sich doch, nicht wahr?"

Copyright: Eva V.

*) Schokoladenkeks


Kommentare:

  1. Oh nje, das war spannend! Wie gut, dass die Geschichte ein gutes Ende gefunden hat, liebe Eva, toll geschrieben!
    Herzliche Grüße
    Regina

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    1. Liebe Regina, ich mag eigentlich nur Geschichten, die gut ausgehen, gut, dass man es in der Hand hat. Liebe Grüße Eva

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  2. Ich hatte richtig Herzklopfen, als ich jetzt diese Geschichte las. Zum Glück hat Deine Geschichte ein Happy End.
    Ich kann mich erinnern, mal einen Albinohirsch flüchtig aus dem Auto heraus gesehen zu haben. Aber das ging alles so schnell und ich traute meinen Augen kaum. Allerdings habe ich im Zoo in Thailand im Reh- und Hirschgehege auch einen Albino gesehen. Ich finde diese Tiere faszinierend, aber ein bisschen tun sie mir auch leid. Durch ihre Andersartigkeit sind sie nämlich auch besonders gefährdet.
    LG
    Astrid

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    1. Astrid, mich hat ein Artikel im Internet dazu inspiriert. Das kleine Rentier wachte einfach nicht auf und dad ist in der Wildnis so gefährlich. Liebe Grüße Eva

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  3. Liebe Eva,
    Deine Geschichte ist nicht nur super spannend, sondern auch lehrreich. Dass es Albinos gibt (unter Menschen und Tieren), wusste ich natürlich - aber nicht, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben.
    Was für ein Glück, dass Ole aus der Lawine noch rechtzeitig und ohne größere Blessuren gerettet werden konnte - das wäre sonst ein sehr trauriges Weihnachtsfest geworden!
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Liebe Christine, ich wusste das auch nicht. Ich dachte einfach nur weiß, aber solche Schwierigkeiten waren mir auch nicht bewusst. Wo ich in Norge wohne, müssen wir wirklich wegen der Lawinen aufpassen, hab da auch höllisch schiss davor. Liebe Grüße Eva

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  4. Was für eine schöne und spannende Geschichte. Ich liebe Reiniheine und seinen Freund Lars. Auch habe ich heute viel über Albinos gelernt und dank Regina weiß ich jetzt auch wie man die Schrift vergrößert, um sie besser lesen zu können.(schmunzeln)LGlore

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