Seiten

Mittwoch, 15. Februar 2017

Reizwortgeschichten


Liebe Mädels, liebe Blogfreunde/innen,

meine heutige Geschichte hat sich tatsächlich ereignet. Sie hat mich berührt und deshalb habe ich sie nacherzählt.

Die heutigen Reizwörter sind


Andenken, Topflappen, werfen, rosa, berühmt


Schaut, was meinen lieben Kolleginnen dazu eingefallen ist.


Reginas  Geschichte..




Der Nachlass



Rudi schloss die Wohnungstür auf und betrat die helle, lichtdurchflutende Wohnung. Er zog seine pelzgefütterten, hellbraunen Winterstiefel aus und hängte am Hacken in der Garderobe die rotkarierte Wolljacke  auf. Er schlüpfte in seine grünen, filzbezogenen Glogs und schlurfte ins Wohnzimmer. Eine unheimliche  Stille lag in der Wohnung. Kaum hörbar tickte die Wanduhr über dem Regal. Seit dem Tod seiner Frau Ruth vor fünf Monaten war alles bedrückend. Sie starb an plötzlichen Herzversagen. Ihr freundliches, sympathisches Lachen erfüllte nicht mehr die hellen Räume, der modern eingerichteten Wohnung.  Keine Haarspange auf der Konsole oder ihre warmen Kuschelstrümpfe auf dem kleinen Plüschsessel in der Diele. Nichts lag von ihr herum.  Ihr blumiger Parfümduft verschwand zunehmend mehr.

Rudi setzte seine Brille auf und schaute auf die Absender der beiden weißen Briefumschläge, die er aus dem Briefkasten geholt hatte.  Nachdem er "Deutsche Bahn" las. schoss ihm Blut in seinen Kopf. Nein, er wollte nicht wissen, was die Bahn ihm mitteilte. Er legte sie auf den Esstisch.  Erneut traten Tränen in seine Augen. Dieses Unternehmen hatte ihm Haarsträubendes angetan.

Nach der Beerdigung begann Rudi den Nachlass von Ruth zu ordnen. Er kündigte alle möglichen Abos. Jedes Einzelne war ein Andenken an Ruth, woran auch er sich gerne erinnerte. Das der FAZ.  Für das Lesen der Tageszeitung hatte Rudi in den letzten Jahren keine Zeit. Er warf, seit er in Ruhestand war, komplett den ganzen Haushalt.  Morgens beim Frühstück las sie ihm  wichtige oder witzige Artikel aus der Zeitung vor. Beide mussten lachen oder sie diskutierten hitzig über eine Sache. Ruth konnte sich ihrer Muse, dem Schreiben widmen.  Sie unterhielt  im Internet einen kulturellen Blog. Stolz präsentierte sie Rudi ihre in den Blogkreisen berühmten Veröffentlichungen. Er hatte das Gefühl, ihr war es recht, dass sie sich nicht mehr um den Haushalt kümmern musste. Sie schenkte ihm im ersten Jahr nach der Übergabe des Haushalts rosafarbene  dickwattierte Topflappen und eine passende Küchenschürze.

"Damit du dich nicht bekleckerst und dir die Hände verbrennst", lachte sie.

Er kündigte den Handyvertrag der Telekom.  In ihrer schwarzen Umhängetasche lag  vergraben ihr geliebtes, weißes I-Phone. Sie hing seit dem Tod noch an der Garderobe. Er musste daran denken, demnächst den Aku aufzuladen. Auf der Nachttischkonsole lag ihr weißes Tablet.  Oftmals, wenn sie nicht schlafen konnte, las sie nachts ebooks. Das Tablet verband sie in ihren Urlauben mit der Welt.

"Kannst du nicht ohne sein?", moserte Rudi öfters.

"Bist du eifersüchtig?" lachte sie über ihn.

"Nein, du bist süchtig!", meinte er besorgt.

Die Mitgliedschaft als passives Mitglied beim Turnverein war Ruth wichtig. Seit frühster Kindheit war sie angemeldet.  Nach ihrer Hüftoperation konnte sie keinen aktiven Sport betreiben.  War die Bewegungslosigkeit der Grund des Herzversagens? Er wusste es nicht.

Dann war da die Bahncard 50 bei der Deutschen Bahn. Beide fuhren damit kreuz und quer durch Deutschland, um die Kinder oder Verwandte  zu besuchen und das mehrmals im Jahr.  Sie lobte die Card, wie billig es war, durch das Land zu reisen.

Rudi fügte überall zu den Kündigungen eine Kopie der Sterbeurkunde bei und verschickte sie per Einschreiben. Recht schnell erhielt er die Antworten der Auflösungen der Abos oder Verträge, von der Deutschen Bahn kam nichts.  Noch einmal schickte er nach einem Monat eine Kopie seiner Kündigung an das Unternehmen. Rudi hatte  per Einschreiben jede Kündigung verschickt. Deshalb wunderte er sich, dass keine Rückmeldung kam. Zwei Tage später kam endlich eine Antwort von der Deutschen Bahn.

Sie forderten erneut eine Sterbeurkunde. Danach schickte die Bahn mit folgendem Inhalt eine e-mail:

"Die Kündigung kann akzeptiert werden, wenn der Inhaber/in der Bahncard sie eigenhändig unterschreibt. Ansonsten kann die Bahn ihr nicht entsprechen".

Rudi war entsetzt über diese unglaubliche e-mail. Er weinte  tagelang. Es warf ihn total aus der Bahn. Wie konnte ein Unternehmen solche makabere, pietätlose Schreiben verfassen. Weshalb hatte die Bahn nach dem Tod seiner geliebten Frau solche Probleme mit einer Kündigung?

Die Haustür schlug. Seine Tochter Lena rief nach ihm.

"Papa, bist du da?"

Mit seinen Taschentuch wischte Rudi rasch über die Augen und schnäuzte sich die Nase.

"Ja, hier im Wohnzimmer."

Hoffentlich bemerkte sie nicht, dass er schon wieder weinte.

Lena gab ihrem Papa einen Kuss auf die Backe, sie war ganz feucht. Hatte er geweint?

Sie sah die Briefe auf dem Esstisch.

"Da ist von der Bahn erneut ein Brief gekommen, kannst Du ihn bitte öffnen", bemerkte Rudi.

Lena fühlte, wie ihr vor Wut der Kamm schwoll, wenn sie die Worte "Deutsche Bahn" las. "Was hat die Bahn sich zur Kündigung nach dem Tod ihrer Mutter nun ausgedacht? ", überlegte die junge Frau.

Lena schlitzte rasch den Brief mit dem silbernen Öffner auf. Sie überflog den Inhalt.

Hysterisch lachte sie laut.

Kopfschüttelnd las sie vor.

"Der Vertrag läuft erst jetzt aus. Sie fordern noch für die Restlaufzeit einen Betrag von 229,79 Euro ".

Lena sprang wütend aus dem Sessel und griff zum schnurlosen Telefon.

"Jetzt reicht es, ich rufe bei der Bahn an", rief sie vor Wut schnaubend.

 "Ich frage sie, ob die nicht alle Tassen im Schrank haben. Gekündigt haben wir vor Monaten".

Bei dem Gespräch mit der Servicestelle nannten sie es "Unannehmlichkeiten". Kein Wort der Entschuldigung kam von der Deutschen Bahn. Lena war empört über das Verhaltenen der Mitarbeiterin der Bahn und ließ ordentlich Dampf ab.

Rudi hörte das Gespräch mit.

Wut verzerrt drückte Lena das Telefonat weg. Ganz rot im Gesicht knallte sie das Telefon auf den Tisch.

Wütend blitzte sie ihren Vater an. Komisch,  der war ganz ruhig. Was war los?

"Ich rege mich darüber nicht mehr auf!", war cool sein Kommentar.

Lena sah in seinen Augen ein Blitzen. Irgend etwas hatte er vor.

"Werde die Medien von diesem unglaublichen Vorfall informieren, wie die Deutsche Bahn mit ihren Kunden umgeht, die werden sich freuen", bemerkte er sarkastisch.

"Die wollen es nicht anders haben", lächelte er Lena schief an und klappte sein Laptop auf.

"Ich fange gleich an".

Lena war total baff.  Das war ihr alter Papa. Sie freute sich tierisch und lächelte.


Copyright Eva V.

Bild: Flickr/Andy Engelen


Schaut vielleicht einmal bei meiner neuen "Norwegenseite" vorbei. Würde mich sehr freuen.


Kommentare:

  1. Ist das echt eine wahre Geschichte? Das kann man ja kaum glauben. - Wenn wirklich die Medien einschreiten, gibt es plötzlich eine Wendung im Fall. Das hab ich schon oft gesehen. Schade, dass es erst soweit kommen muss. - Danke für die Geschichte, die schon ein bisschen traurig macht. LG Martina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Martina ja, das hat mich so vom Hocker gehauen. Der Mann hat in Wirklichkeit die Medien eingeschaltet, um zu veröffentlichen, was beim Nachlass alles passieren kann. Liebe Grüße Eva

      Löschen
  2. Oh doch, ich kann es glauben, dass diese Geschichte wahr ist, denn nach dem Tod meines Schwiegervaters hatten wir mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nur war es nicht die Bahncard, sondern der Handyvertrag meines Schwiegervaters musste gekündigt werden. Nach ersten Weigerungen, forderten sie schließlich das Kennwort. Erst als mein Mann leicht verärgert, meinte, dass dies sein Vater mit in das Grab genommen habe, war plötzlich eine Kündigung möglich.
    Sachen gibt es, da kann man nur den Kopf schütteln.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Astrid, das ist so unglaublich, was die den trauernden Angehörigen antun. Ich konnte das nicht fassen, als ich das sah. Liebe Grüße Eva

      Löschen
  3. Liebe Eva,
    dass diese Geschichte wahr ist, glaube ich auf der Stelle. Solche haarsträubenden Dinge passieren fast täglich - und nicht nur bei der Bahn!
    Rudi hat Recht, dass er sich an die Medien wendet. Das ist den Verursachern solcher Briefe dann doch mega-peinlich, wenn die Öffentlichkeit davon erfährt.
    Dass die Firmen (oder Behörden) sehr schnell klein beigeben, wenn mal eine Nachfrage von der Presse oder vom Fernsehen kommt - das habe ich selber schon erlebt. Ich gehöre nämlich auch zu denen, die sich nichts gefallen lassen! **grins**
    Liebe Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Christine, ich finde, solche unglaublichen Dinge sollten immer veröffentlicht werden, damit die Firmen ihr Personal besser Schulen und solche Unglaublichkeiten nicht passieren. Liebe Grüße Eva

      Löschen
  4. Liebe Eva, so etwas macht einen traurig. Ich habe ähnliches schon einmal in Verbindung mit einer Krankenkasse gehört, die eine Haushaltshilfe für einen grade verwitweten Familienvater verweigerte, weil die Kranke ja nun verstorben sei und keine Hilfe mehr benötige. Wie zynisch. Einfach abgelehnt und fertig. Mag ja sein, dass das so richtig war, wel die Kasse ja tatsächlich nur bei Krankheit zahlt, aber irgendwie ist es doch makaber, als Betroffener so einen Brief zu bekommen, ohne weiteren Hinweis auf Stellen, an die er sich wenden kann. Deine Geschichte ist ja noch gruseliger. LG Tanja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Tanja, ja doch etwas macht betroffen. Man kann sich heutzutage nur noch über die Medien wehren, sonst ist man nur noch hilflos. Liebe Grüße Eva

      Löschen
  5. ES ist schon komisch, wie stur diese Bürokraten doch sind, hoffentlich hatte er Erfolg, als er die Medien einschaltete. LGLore
    Mein Mann bekam auch im Januar noch eine Geburtstagskarte von der Bank, auf der unsere Kaution festliegt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Lore, ich finde toll, dass die Medien den Bürgern helfen, wo sie einfach nicht weiter kommen. Ja , wenn Post noch an einen Verstorbenen ist komisch. Liebe Grüße Eva

      Löschen